Eine arrangierte Beziehung

Ganz ehrlich: als ich vor gut 11 Jahren meine erste „ordentliche“ Kamera geschenkt bekam, war ich nicht sehr begeistert. Da war also dieses Ding, eine kleine Kodak Z650, mit viel zu vielen Knöpfe und eigentlich standen doch Pferdesachen auf dem Wunschzettel.

Zuerst war unsere Beziehung noch recht unterkühlt, aber schon bald änderte sich das und der kleine, silberne Zauberkasten wurde zum ständigen Begleiter. Ich fotografierte alles. Blümchen, Katzen, Insekten, nichtmal Steine waren vor mir sicher.

Ja, auf dieses Foto war ich schon sehr stolz – und beachtet bitte den wunderschönen (Trauer-)Rahmen um das Foto. Das war damals „in“ 😀

Was die Fotografie alles verändert

Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht, was sich durch die Fotografie bei mir persönlich so alles verändern würde. Welche seltsamen Angewohnheiten ich entwickeln würde und wie tiefgreifend die „Beziehung“ zu so einem Stück Technik werden kann…

Schleichend kamen die ersten „Ticks“

Es fing ganz harmlos an.
Eben damit, dass die Kamera plötzlich überall mit dabei war.
Dann startete das Horten von Akkus und Speicherkarten.
Eine immer gut gefüllte Festplatte voller mehr oder weniger brauchbarer Fotos.
Und dann ging es so richtig los, die ersten Fachbücher zogen ein, dazu Bildbände und so ganz langsam reichte die kleine Z650 nicht mehr – eine digitale Spiegelreflexkamera sollte der Nachfolger werden.

Und damit waren alle Dämme gebrochen und ich unrettbar der Fotografie verfallen.

Mit anderem Blick durch die Welt

Durch die Fotografie habe ich sehr schnell begonnen, meine Weilt mit anderen Augen wahr zu nehmen. Ich fing an, meine Umgebung wie durch einen Kamerasucher zu sehen. Mittlerweile ist es so weit, dass ich vor meinem inneren Auge auch Objektive wechseln kann und alles, was sich nicht im Brennweitenbereich befindet sehr erfolgreich ausblenden kann.

Auch Licht und Schatten sehe ich anders, weiß, wie ich mich positionieren müsste, um gewisse Effekte mit einer Kamera abzubilden. Nach einigen Jahren der Fotoerfahrung sind das Auge und das Gehirn auch so weit trainiert, dass störende Objekte, die früher einfach ausgeblendet wurden, deutlich wahrgenommen werden. Zum Beispiel Laternen oder Kräne am Horizont – Dinge, die man normalerweise nicht so bewusst sieht.

Und ändert sich der Blickwinkel, ändert sich das Bild

Ja, mein Bild von der Welt hat sich geändert. Es ist nicht nur so, dass ich störende Objekte deutlicher sehe. Auch die kleinen schönen Dinge stechen für mich deutlicher hervor, als sie es vor der Fotografie taten. Tanzende Schatten, glitzernder Schnee oder Spiegelungen in Pfützen – das alles lässt mich noch viel mehr staunen. Wie oft muss mein Umfeld so Sätze hören wie „Das Licht! Sieh dir nur dieses Licht an!“ 😉

Mein Bild von mir selbst hat sich auch verändert. Plötzlich war da etwas, was ich gut konnte. Meine Fotos gefielen nicht nur mir, sondern auch anderen. Hielt ich meine Kamera in den Händen, war ich auf einmal Sarah, die Fotografin. Die, die ihr Handwerk versteht.

So viel gelernt, so viel zu lernen

Die Fotografie hat mich viel gelehrt.
Ich habe gelernt, mir selbst Dinge beizubringen, durchzuhalten, auch wenn es so aussieht, als ob nichts weiter gehen würde.
Ich habe gelernt, einen Schritt zurück zu treten und die Dinge so zu betrachten, wie sie sind, nicht, wie mein Gehirn sie mir gerne präsentieren würde.
Dass man früh aufstehen und durch die Dunkelheit gehen muss, wenn man einen Sonnenaufgang sehen möchte.
Auf manchmal recht harte Weise hat mir die Fotografie auch gezeigt, wie manche Menschen ticken.
Viel zu spät habe ich dann auch endlich die Lektion „folge deinem Herzen, sonst wirst du unglücklich“ befolgt.

Die Fotografie hat mir gezeigt, was ich alles schaffen kann, wie weit ich für meine Träume gehen kann und muss, sie hat mich mit vielen inspirierenden Menschen zusammen gebracht und lässt mich weiterhin jeden Tag ein wenig wachsen.