Emotionen einfangen

Es gibt eine Frage, die ich mir selbst schon oft gestellt habe, die mir aber mindestens genauso oft gestellt wurde:

Wie fängt man Emotionen fotografisch ein?

Wie schafft man es, Gefühle mit Fotos zu vermitteln und im Betrachter des Bildes auszulösen? Warum schaffen manche Fotografen es scheinbar mit jedem ihrer Werke, während andere zwar ein kurzes Staunen ob der technischen Raffinesse auslösen, aber beim weiterscrollen schon vergessen sind?

Was ist der Trick dahinter?

Emotionen einfangen | Schimmel Finn beim Pferdefotoshooting im Nebel | Pferdefotografie München

Warum ich mir diese Frage stelle…

Zu Beginn meiner fotografischen Reise habe ich mir diese Frage kein einziges Mal gestellt. Mir war klar, dass meine Fotos für mich und maximal meine Familie sind. In mir lösten sie, egal wie schlecht komponiert oder belichtet sie auch waren, immer Emotionen aus.

Ich wusste und weiß beim Betrachten genau, was ich in diesem Augenblick gefühlt und gedacht habe und es fällt mir leicht, mich wieder zurückzuversetzen in genau diesen Moment.
Jedes meiner Fotos fing Emotionen ein – nämlich diejenigen, die mich bewegten, als ich den Auslöser betätigte.

Als ich dann langsam begann, meine Fotos online zu veröffentlichen und einem größeren Publikum vorstellte, merkte ich rasch, dass einige meiner Bilder deutlich mehr Resonanz erzeugten als andere.

Der gemeinsame Nenner dieser Fotos war, dass sie bei vielen Betrachtern etwas auslösten. Dass sie Gefühle aber nicht nur erzeugten, sondern auch transportierten.

Langsam begann der Gedanke, dass die Fotografie so ein mächtiges Werkzeug war, mich immer mehr zu faszinieren.
Seit Jahren ist das einer der Hauptgründe für mich zu fotografieren. Es ist zu meiner Herausforderung an mich selbst geworden, meine Bilder so zu komponieren, dass sie die Emotionen, die ich in diesem speziellen Moment so gesehen und gefühlt habe, auch festhalten und transportieren.

Heute möchte ich für euch mein Trickkistchen öffnen und ein paar meiner Strategien vermitteln, die es euch vielleicht auch leichter machen, bei euren nächsten Fotos das einzufangen, was ihr fühlt und zeigen möchtet.

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1. Kenne dein Motiv

Der vielleicht wichtigste Punkt überhaupt.
Du musst wissen, was du fotografierst und wie dein Motiv seine Emotionen ausdrückt – gerade auch wenn du Tiere fotografierst. Es ist leicht, sich in andere Menschen hinein zu versetzen, wir hören nicht auf zu lernen, das zu tun.
Schwieriger ist es, wenn du dich in die Tierfotografie begibst. Wenn du schon dein Leben lang mit gewissen Tieren zu tun hast, ist es auch da für dich einfacher, ihre Emotionen zu erkennen.

Es ist trotzdem wichtig, sich vor so einem Shooting noch einmal klar zu machen, wie dein spezielles Motiv kommuniziert. Du solltest auf jeden Fall in der Lage sein, kleinste Stressanzeichen zu sehen und deinem Model wieder zur Entspannung verhelfen können. Sei dies durch eine Pause, Kontakt mit einem Artgenossen oder Bewegung.

Auch Personen, die mit den Tieren, die du fotografierst, vielleicht wenig zu tun haben, können oft trotzdem noch unbewusst den Stress des Tieres wahrnehmen. Sie können zwar oft nicht genau benennen, was sie an diesem Foto dann stört, aber es sieht für sie nicht harmonisch aus.

Achte deshalb bei Pferden auf verkniffene Lippen, Kuhlen über den Augen und hektisches Ohrenspiel.
Hunde zeigen auch eine Reihe von kleineren und größeren Beschwichtigungssignalen wie Abwenden des Blickes, Züngeln und Lippenlecken und übermäßiges Kratzen und Schnüffeln.

Katzen sind in ihrer Sprache oft noch deutlicher und gehen einfach oder zeigen anhand des Zuckens ihrer Schwanzspitze, was sie von der Aktion gerade halten.

 

Für mich ist es oberstes Gebot, die Grenzen jedes Tieres zu respektieren und auf keinen Fall zu überschreiten. Wenn ein Tier bei einem meiner Shootings auch nur ein bisschen Unwohlsein zeigt, wird pausiert oder gar abgebrochen/verschoben. Meiner Meinung nach kann man nur so harmonische, echte entspannte Fotos produzieren.

Wenn du dir unsicher bist, sprich mit dem Tierbesitzer. Er sollte sein Tier soweit kennen, dass er schon kleinste Anzeichen von Stress erkennt. Ich mache den Besitzern auch immer sehr deutlich klar, dass es gar kein Problem ist, die Grenzen zu respektieren und einfach mal Pause zum Durchatmen zu machen.

Abgesehen von Stressanzeichen, die natürlich sehr wichtig sind, ist es auch wichtig, zu sehen, wann sich das Tier freut, wann es Entspannung und Zuneigung zeigt.
Ein weiches Maul, strahlende Augen mit aufmerksamem Blick und gespitzte oder entspannt seitlich getragene Ohren wären zum Beispiel ein paar Signale, die Pferde aussenden.

Nimm dir Zeit, beobachte die Tiere, die du fotografieren möchtest und lerne, sie zu lesen. Das ist ein ganz wichtiger erster Schritt, um in Zukunft Emotionen besser einfangen zu können.

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2. Hände, Gesten, Berührungen

Wenn du Menschen fotografierst, dann achte unbedingt auf die Hände!
Wir teilen uns durch Bewegungen unserer Hände mit, durch Gesten und Zeichen, die wir mit ihnen vollführen. Es fällt uns einfach, unsere Worte mit Bewegungen zu unterstreichen und so deutlicher zum Ausdruck zu bringen, was wir denken und fühlen.

Auch Berührungen bringen wichtige Botschaften zum Ausdruck. Ein freundlicher aber distanzierter Händedruck vermittelt ganz andere Gefühle als eine sanfte, fast beifällige Berührung oder eine innige Umarmung.

Behalte also die Hände deines Models im Auge.

Ich versuche immer, die Menschen, die sich vor meine Kamera begeben, so unauffällig wie möglich zu beobachten. Hier spielt auch der erste Tipp wieder mit rein: wenn ich mein Motiv beobachte und so besser kennen lerne, ist es einfacher für mich, Fotos zu machen, die auch tatsächlich diesen Menschen zeigen.
Ich versuche, ein Gefühl für die Körpersprache meines Gegenübers zu bekommen. Handelt es sich um eine eher extrovertierte Person, die gerne große Gesten macht und ihre Gefühle so leicht ausdrückt? Oder ist es doch eine eher introvertierte Persönlichkeit, die wenige große Bewegungen zeigt, aber um so mehr Gefühl in jeden einzelnen Finger legt?

Welche Angewohnheiten hat mein Model? Streicht es sich gerne durch die Haare? Oder spielt es gedankenverloren mit der Mähne des Pferdes? Muss immer etwas in den Händen sein? Wie viel Bewegung ist normal, wieviel dem Stress in dieser Situation geschuldet?

Das ist der schwierigere Teil.
Der einfache ist es dann, die Gesten und Handbewegungen einzufangen, die diese Person gerne zeigt, die sie ausmachen und in der sie sich wiedererkennt.

 

Ein paar praktische Tipps noch:

  • Vermeide Handschuhe!
    Wenn es nicht anders geht, bin ich die letzte, die Handschuhe verbieten möchte, jedoch ist es schöner, Haut auf Fell zu zeigen, als mit noch einer Zwischenschicht zu arbeiten.

 

  • Keine Gelenke anschneiden!
    Das gilt nicht nur für Handgelenke, sondern eigentlich für alle menschlichen und tierischen Gelenke. Wenn du deinen Rahmen enger legen musst, dann achte darauf, dass die Bildkante nicht genau durch Gelenke verläuft. So ein „Schnitt durchs Gelenk“ wirkt brutal und kann deine ganze Bildkomposition boykottieren

 

  • Serienbilder!
    Ich bin kein Fan vom Kamera-Dauerfeuer, aber gerade wenn es um Bewegungen und Gesten geht, hört man bei mir den Verschluss auch schon ein wenig öfter klacken. Es ist schwierig, Bewegungen in einer Phase einzufangen, die natürlich wirkt. Oft erwischt man nicht genau diesen Moment und es sieht nach unnatürlichen oder gar komischen Verrenkungen aus.
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3. Das Auge als Fenster zur Seele

Mindestens genau so wichtig wie die Hände sind die Augen.

Der viel zitierte (und deshalb vielleicht schon etwas ausgelaugte) Spruch „Die Augen sind der Spiegel der Seele“ ist gerade auch für Fotografen sehr wichtig.

Wenn ich Menschen fotografiere, hören sie zu Beginn immer diesen einen Satz: „Schau bitte auf gar keinen Fall direkt in die Kamera!“

Für mich persönlich gibt es kaum etwas Schlimmeres, als der starre Blick direkt ins Objektiv. Ich als Fotograf fühle mich im Moment der Aufnahme schon angestarrt und beobachtet und auch für den Betrachter könnte der Blick unangenehm oder starr wirken.

 

Ich möchte mit meinen Fotos ganz stille, intime Momente zwischen Mensch und Tier einfangen. Am Liebsten ist es mir, wenn man mich als Fotografen komplett vergisst und einfach nur den Moment genießt.

Unterstreichen kann man diese kleinen Momente ganz wunderbar mit Blicken. Auch hier möchte ich euch einige kleine Tricks Kniffe mit an die Hand geben, die ich mir über die letzten Jahre angelernt habe.

Um die Zusammengehörigkeit eines Tier-Mensch-Teams zu unterstreichen, gibt es zwei einfache Möglichkeiten:

 

  • Blickkontakt zwischen den beiden
    Damit erzähle ich bestimmt nichts Neues 😉 Sich in einer entspannten Situation in die Augen schauen ist ein ganz großer Vertrauensbeweis. Es zeigt die Nähe zwischen den beiden ganz deutlich. Meist konzentrieren sich beide dann auch ganz aufeinander und lassen alles andere aus dem Fokus verschwinden. Das gibt dem Foto nochmal einen zusätzlichen intimen Charakter.

 

  • Gemeinsam in eine Richtung schauen
    Damit wird signalisiert, dass man gemeinsam ein Ziel vor Augen hat, dass man das, was der andere sieht auch als Wichtig anerkennt und sich gegenseitig ernst nimmt und unterstützt. Ich gebe meinen menschlichen Models auch vor und während des Shootings gerne noch den Hinweis, in die gleiche Richtung wie das Tier zu blicken. So ein Fotoshooting ist einfach eine aufregende Sache und Dinge, die man sonst immer tun würde, vergisst man in so einer Situation schnell.
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4. Echte Emotionen und falsche Posen

Wer meine Philosophie gelesen hat oder hier im Blog schon etwas länger dabei ist, der weiß, was ich von Posen und Anweisungen halte. Nämlich nicht sonderlich viel 😉

Ich habe für mich schnell gemerkt, dass jede „Posinganweisung“ meine Models ein wenig mehr verkrampfen lässt.

Was auf einem Foto schön aussieht, gehört vielleicht einfach nicht zum natürlichen Bewegungsablauf der Person, die ich fotografieren möchte. Am Ende wirkt die Pose auf dem Bild vielleicht für unbeteiligte Dritte schön, aber die Fotografierte erkennt sich nicht wirklich wieder. Ich möchte aber in erster Linie Erinnerungen genau für diese Person schaffen.

 

Für mich selbst habe ich schon früh beschlossen, nur so wenig wie möglich einzugreifen und mittlerweile gebe ich gar keine Posinganweisungen mehr.

Zwischen „gar keine Anweisungen“ und millimetergenauer Einweisung für jedes Fingerglied gibt es natürlich noch eine ganze Menge an Grautönen. Ich möchte euch auch hier wieder ein paar Tipps und Tricks mit an die Hand geben, die ich über die Jahre in meinem fotografischen Handwerkskoffer gesammelt habe.

  • Die Atmosphäre
    Für mich ist und war es immer das wichtigste, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Ich war deshalb immer schon gerne auch beim fertig machen des Pferdes mit dabei. Da kann man sich ein wenig näher kennen lernen, ein bisschen tratschen und ich kann Mensch und Pferd im normalen Umgang miteinander beobachten.

    So werden alle ein wenig lockerer, was die ideale Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit ist.

  • Geschichten, Geschichten, Geschichten
    Geschichten sind mein allerliebstes Werkzeug, um Emotionen zu erzeugen und sichtbar zu machen.

    Ich lasse mir vom Pferdebesitzer die intensivsten Momente des Zusammenlebens erzählen. Lustige Geschichten, die schönsten, innigsten Augenblicke aber auch traurige und schlimme Dinge, die man gemeinsam durchgestanden hat. Alles, was die beiden verbindet und zu dem Team gemacht hat, das sie zu dem Zeitpunkt meines Besuches sind.

    Durch das Erzählen dieser Geschichten versetzt man sich oft ganz automatisch in diese Situation zurück und durchlebt die Emotionen nochmal.

  • Die Schönheit sehen
    Für mich ist jedes Pferd wunderschön! Und das bekommt der Pferdebesitzer von mir auch zu hören. Ich bewundere das glänzende Fell, die wachen Augen, die lustig gezeichnete Blesse und den sanften oder aufgeweckten Charakter meiner vierbeinigen Models.

    Aber nicht nur das, auch das Zusammenspiel von Pferd und Mensch wird von mir immer positiv kommentiert – es ist aber auch wirklich jedes einzelne Mal wunderschön, wie „meine“ lieben Menschleins mit ihren Pferden umgehen.

    Jeder hört doch gerne, wie schön sein Tier ist und wie harmonisch das Paar wirkt. Durch ein paar ehrliche (!) liebe Worte kann man den Pferdebesitzer dazu bringen, das eigene Pferd wieder mehr durch die rosarote Brille zu sehen.

Mit diesen drei kleinen Kniffen schaffe ich die Grundlage für meine Fotos. Die Besitzer sind entspannt, sehen ihr Pferd oft wieder wie am ersten Tag und durchleben im Herzen noch einmal die innigsten Momente.

Es liegt dann an mir, einen schönen Platz zu finden und als einzige Anweisung kommt dann nur: „Und jetzt hab dein Pferd einfach mal lieb. Auf deine Art.“

Irish Sport Horse Abbey Wood | Sarah Koutnik Fotografie | Pferdefotografie | München | Bayern | Österreich | Nebel

5. Lass es fließen

Das ist der letzte Tipp, den ich dir gerne mitgeben möchte.

Erzwinge nichts.

Versuche nicht krampfhaft jemanden zum Kuscheln mit dem Pferd zu bringen, der seine Zuneigung so nicht zeigt.

Mühe dich nicht ab, Geschichten zu erfahren, wenn der Besitzer nicht gerne und viel redet.

Emotionen lassen sich nicht erzwingen, sie kommen und gehen. Wenn du dir vorgenommen hast, romantische Kuschelfotos zu machen, dein Model aber lieber herzlich lacht und mit dem Pferd Grimassen schneidet, dann lach mit! Fange ein, was du siehst und nicht das, was du dir vorgenommen hast, zu sehen.

 

Jedes Shooting entwickelt seinen eigenen Weg, seinen eigenen Fluss. Lass dich treiben und steuere mit der Strömung, nicht dagegen 😉

einäugiges Pferd Warmblut Goldstern mit Besitzerin | Pferdefotografie München