Neid.

Ich bin neidisch.
Neidisch auf “die Anderen”, die es schaffen, so unglaublich schöne Fotos zu erschaffen. Die von ihrer kreativen Arbeit leben. Die die Welt bereisen und Fotos von exotischen Orten und noch exotischeren Tieren machen.
Ich bin neidisch auf “die Anderen”, die so viel jünger sind und so viel mehr erreicht haben. Auf Bilder, die Geschichten erzählen, die voller Witz sind, die einen staunen lassen. “Die Anderen”, die so leicht durchs Leben wandeln, mit Talent gesegnet sind und bei allen gut ankommen.

Mir fiel und fällt es immer noch schwer, mir das auch tatsächlich einzugestehen. Neid zu empfinden wird ja oft verpönt, denn die, die neidisch sind, können ja selbst nicht viel. So wird es zumindest suggeriert. Viele, viele Zitate und Sprichworte stellen den Neider als  unzulänglich dar, und wer will schon nicht “gut genug” sein? Außerdem gehört er zu allem Überfluss noch zu den sieben Todsünden.

Die Anzahl unserer Neider bestätigt unsere Fähigkeiten
– Oscar Wilde

Pferd im Morgenlicht der Toskana | Pferdefotografie München | Sarah Koutnik Fotografie

Neid hat zwei Gesichter

Mir hat diese Darstellung nie so gut gefallen. Wenn der Neid nur schlecht sein soll, warum gibt es ihn dann immer noch?
Evolutionsbiologisch gesehen hat er durchaus seine Berechtigung. Wenn wir uns unterlegen fühlen, wappnen wir uns innerlich für einen Kampf, was uns unter Umständen das Leben retten könnte.
Heute wird dieser Kampf auf anderen Ebenen ausgetragen. Im Beruf, wenn es um Geld und Kunden geht oder privat, wenn es die Anerkennung durch andere ist, um die gebuhlt wird.

Doch dieses Gefühl kann nicht nur negativ sein, das ist nur die eine Seite. Die “schwarze”, destruktive, die uns gehässig werden lässt, die uns Erfolge der anderen Schlechtreden lässt, uns oftmals bis zum Mobbing treibt und die Schadenfreude bei Misserfolgen groß sein lässt. Es ist einfach, dieser “Seite” zu verfallen. Es benötigt nicht viel Energie, andere schlecht zu reden oder in Gruppen über nicht anwesende zu lästern.

Die andere Seite des Neids ist die konstruktive, “weiße” Seite. Sie treibt uns an, besser zu werden, als die Konkurrenz. Mehr zu leisten, mehr zu lernen, mehr zu schaffen. Das kostet Energie und ist oftmals nicht so einfach, aber bringt uns persönlich zumindest ein Stückchen weiter, als die destruktive Seite.
Trotzdem bleibt immer noch der schiefe Blick auf die anderen und das leise Gefühl, dass man selbst nicht so gut ist. Und wenn sich der Erfolg einstellt, schätzt man ihn selbst nicht oder wird im schlimmsten Fall zum schlechten Gewinner.

Rappstute Viola | Pferdefotografie München | Sarah Koutnik Fotografie

Der dritte Weg

Ich bin lange Zeit den destruktiven Weg gegangen und habe erst relativ spät einen konstruktiveren Zugang zum Umgang mit dem Neid gefunden. Dennoch war ich nie so richtig glücklich damit. Ich wollte nicht mehr neidisch sein, wollte dieses ungute Gefühl loswerden.
Erst ein neues Hobby und ein Buch über eben dieses, das mit der Fotografie oder dem Neid an sich erstmal gar nichts zu tun hatte, hat mir einen neuen Weg gezeigt. (Für Interessierte: Das Buch heißt “Rock Warrior” von Arno Ilgner. Es geht darin um besseres Klettern – und noch so viel mehr.)

Das, was wir sehen, das, was uns neidisch macht, ist nur die Spitze des Eisbergs.
Wir sehen nicht, wieviel Arbeit hinter all dem steht. Wieviele Stunden der Planung, des Lernens, der persönlichen Weiterbildung und Entwicklung. Wir sehen nur das wunderschöne Foto, das alle bewundern. Wir sehen die Ausstellung, das veröffentlichte Buch, die Beförderung. Und nicht die schlaflosen Nächte, die Verzweiflung und die Sorgen, die dahinter stecken.
Wenn man einmal seinen vermeintlichen Konkurrenten wirklich zuhört, hört man oft genug, wie knapp sie am Burnout vorbeigeschrammt sind oder es auch tatsächlich erlebt haben. Man hört leider viel zu oft auch von Depressionen und Selbstzweifeln. Von zu viel Arbeit und zu wenig Zeit für sich selbst…

Man will nicht nur glücklich sein, sondern glücklicher als die anderen. Und das ist deshalb so schwer, weil wir die anderen für glücklicher halten, als sie es sind.
– Charles-Louis de Montesquieu

Was wir ebenfalls oft aus den Augen verlieren, ist unser eigenes Schaffen.
Es hilft oft, wenn man einfach mal einen Schritt zurück tritt und sich selbst klar macht, was man schon alles erreicht und geschafft hat. Welchen oft steinigen Weg man zurückgelegt hat, um dort anzukommen, wo man heute steht. Und dass man trotz all der Schwierigkeiten und Tiefschläge immer wieder aufgestanden ist und weitergemacht hat.
Man darf stolz sein, auf das, was man erreicht hat. Auf den Menschen, der man ist. Auch wenn man keine Veröffentlichungen oder tausende von Fans hat. Auch wenn man nur kleine Kreise zieht, zeigen sie Wirkung.

Haflingerwallach Samos | Weizenfeld | Therapiepferd | Pferdefotografie | Sarah Koutnik Fotografie | München

Seid stolz auf euch selbst.
Verliert euch selbst nicht aus den Augen.
Seid nicht neidisch auf die, die es vermeintlich leichter haben im Leben. Auch sie haben ihr Päckchen zu tragen.

Man muss nicht unbedingt das Licht des anderen ausblasen, um das eigene Licht leuchten zu lassen.
– Phil Bosmans

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